Zhuangzi-Lesebuch
"Mit den passenden Schuhen vergißt man die Füße": Neuerscheinung in der dritten Auflage!
Ab März 2012 ist das Zhuangzi-Lesebuch in einer überarbeiteten Fassung als Taschenbuch (Preis: 24,90) wieder lieferbar. Die gebundene Ausgabe mit den Kalligraphien von Tomoko Arii-Klopfenstein ist auch noch in einigen wenigen Exemplaren zu beziehen:
Hier können Sie das Zhuangzi-Lesebuch und das Menzius-Lesebuch bestellen.
Lesen Sie die Rezension zum Menzius-Lesebuch von Mark Siemons in der FAZ vom 17.3.2010.
Zhuangzi als Meister der Schrift des Himmels
仲尼問於大史大弢、伯常騫、狶韋曰:「夫衛靈公飲酒湛樂,不聽國家之政;田 獵畢弋,不應諸侯之際;其所以為靈公者何邪?」大弢曰:「是因是也。」伯常騫曰 「夫靈公有妻三人,同濫而浴。史鰍奉御而進所,搏幣而扶翼。其慢若彼之甚也, 見賢人若此其肅也,是其所以為靈公也。」狶韋曰:「夫靈公也死,卜葬於故墓不吉 ,卜葬於沙丘而吉。掘之數仞,得石槨焉,洗而視之,有銘焉,曰:『不馮其子,靈 公奪而里之。』夫靈公之為靈也久矣!之二人何足以識之﹗」
Konfuzius fragte die Geschichtsschreiber Da Tao, Bo Changqian und Xi Wei: „Herzog Ling von Wei trank Wein und frönte seinem Vergnügen, ohne sich richtig um die Regierungsgeschäfte zu kümmern. Er ging zum Jagen mit Netzen und gespannten Bogen, ohne auf seine Verpflichtung gegenüber anderen nachzukommen. Wie konnte es dann dazu kommen, daß er als „Herzog Ling“ („der mit den geistigen Mächten in Verbindung stehende“) bezeichnet wird?“ Da Tao antwortete: „Dies entspricht den Tatsachen“. Bo Changqian sagte: „Der Herzog Ling hatte drei Frauen, mit denen er in der selben Wanne zu baden pflegte. Aber als der Gesandte Shiqiu zu ihm kam, um ihm einen Stoffballen zum Geschenk zu machen, empfing er ihn persönlich und mit aller Achtung, die einem Gesandten zukommt. Er war sittenlos genug, um mit seinen Frauen zu baden, und respektvoll genug, um einen Gast mit aller Hochachtung zu empfangen.“ Xi Wei fügte hinzu: „Als Herzog Ling gestorben war, da sagte das Orakel, daß die Beerdigung im Familiengrab ungünstig ist, es sprach aber für die Beerdigung auf dem Sandigen Hügelberg. Nachdem wir im Sande mehrere Klafter tief gegraben hatten, stießen wir auf einen steinernen Sarkophag. Nachdem wir ihn gewaschen und freigelegt hatten, untersuchten wir den Sarkophag und fanden eine Inschrift darauf, die besagte: „Ohne sich auf die Nachkommen verlassen zu müssen, mag sich Herzog Ling diesen Sarg nehmen und in ihm friedlich wohnen.“ So scheint es, daß der Herzog schon seit Urzeiten als jemand bezeichnet wurde, »der mit den geistigen Mächten in Verbindung steht“.
Die Geschichte beginnt mit einem Dialog des Konfuzius mit zwei Gelehrten über die Frage, wie es Herzog Ling trotz seines sehr zweifelhaften Lebenswandels wohl geschafft haben mag, zu solch einem ehrenhaften Namen zu kommen. Diese Frage, die sich weitgehend im Kontext konfuzianischer Moralphilosophie bewegt, wird durch die Antwort von Xi Wei von innen her aufgebrochen: Die Suche nach dem richtigen Ort der Beerdigung, der Hinweis des Orakels auf den verborgenen Sarkophag, die in diesem eingravierte Einladung, Herzog Ling möge es sich hier gemütlich machen. All dies sind Elemente, die die engen Vorstellungen von gutem oder schlechtem moralischen Lebenswandel in eine andere Dimension hin übersteigen: In der absoluten Einsamkeit des Todes, in der wir uns auch nicht mehr auf die „Nachkommen“ stützen können, in der wir in unhinterfragbarer Weise selbst wieder zur Natur werden, werden solche Wertungen ziemlich unwichtig.
Doch dieses „Aufgehen in der Natur“ ist nicht allein ein namenloses Verschmelzen, denn es bleibt die Schrift auf dem Sarkophag, die bezeugt, daß auch in der Natur selbst von Anfang an ein Impuls gewirkt hat, der uns Menschen Sprache, Schrift und Erinnerung gegeben hat, ein Impuls, der es uns ermöglicht, „ich“ oder „du“ zu sagen und durch das Annehmen und Verstehen unseres „Namens“ sowohl die Uranfänglichkeit des Ursprungs als auch die Zukünftigkeit des gesamten Potentials des Menschlichen zu verkörpern.
Zhuangzi‘s Schrift wartet – wie die Inschrift auf dem Sarkophag – seit Beginn der Zeit darauf, immer von neuem ausgegraben zu werden: Sie ist eine Prophezeiung und Verheißung, sie ist schwer zu deuten und lädt doch den Leser dazu ein, es sich in der Wohnung des Todes – das heißt frei von allen gewohnten Wertungen und Identifikationen - gemütlich zu machen und von diesem Ort her zu leben. Aus dieser Perspektive werden die gewohnten Vorstellungen unseres Geistes von „Richtig“ und „Falsch“ gesprengt. Doch die festen Scheuklappen unseres Geistes werden nicht nur geöffnet, sondern es werden uns gleichzeitig Wege zu einem tieferen Vertrauen in das größere Leben aufgezeigt. Dieses Vertrauen erschließt sich auf dem Weg der Entzifferung der Sarkophaginschrift – der Deutung des Zhuangzi - einem Weg, der uns auffordert, die gewohnten Sichtweisen von „Kultur“ und „Moral“ weit hinter uns zu lassen, alle Mechanismen, mit denen wir uns gegen die Zeit und den Tod stemmen, zu durchschauen und zu lernen, an der gesamten Fülle des Lebens und des Todes teilzuhaben.
Die Schrift des Zhuangzi ist somit eine Schrift der Zukunft: Die bisher verfaßten ca. 900 Kommentare, die kaum zu übersehende Vielzahl von Interpretationen und Reflexionen von Mönchen, Dichtern und Gelehrten haben vielleicht gerade ein oder zwei Prozent dessen erfassen können, was Zhuangzi an Sinn zu vermitteln hat. Doch dies schreibe ich nicht in dem Gefühl der Entmutigung – ist mir ja durchaus bewußt, wie wenig dies Lesebuch diesen zwei Prozent hinzuzufügen vermag. Vielmehr schreibe ich dies aus einer Entdeckerfreude heraus, die ich in dieser Intensität nicht mit einem anderen Werk erlebt habe: Jeder neue Schritt einer weiteren Entzifferung läßt mich immer wieder Unerwartetes und Nie-Geahntes entdecken, so daß ich aus dieser Entdeckerfreude heraus zuweilen zu ahnen vermag, was wohl zukünftige Leser – gleich welcher Kultur und Sprache sie sich zugehörig fühlen – noch aus diesen Schriftzeichen der in der Tiefe des Lebens verborgenen Sarkophaginschrift werden lesen können.

