Zur Person / Werdegang

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lebendigen Wassers

Seit meinem zehnten Lebensjahr fühlte ich mich magisch angezogen von fremden und uralten Schriften, in denen Lebenserfahrungen und Weisheiten aufgezeichnet waren, die Philosophen und Propheten vor Jahrtausenden hinterlassen haben. Diese Schriften lesen zu können, erschien mir als Inbegriff des Glücks, als Möglichkeit, an diesen Erfahrungen teilzuhaben und so das Leben besser zu verstehen, das mir oft zu zusammenhanglos und sinnlos zu sein schien.

Als ich mit vierzehn das Chinesische entdeckte, wußte ich, daß es meine Sehnsucht wie keine andere Sprache befriedigen würde: Vorher hatte ich andere Schriften gelernt, die hebräische, die russische und die tibetische Schrift, sie begeisterten mich mit ihrer Schönheit und den Verheißungen, den Schlüssel zu Geheimnissen zu liefern, die sich vor Jahrtausenden entwickelt hatten. Doch die chinesische Schrift unterschied sich von diesen ganz wesentlich: Da mit jedem Zeichen ein Wort geschrieben wird, ist es viel mühsamer, sie zu lernen, doch durch dieses Lernen kann man einen vollkommen neuen Blick auf die Welt gewinnen: Die Bildlichkeit aller Dinge ist in der Schrift zu Hause: Sonne und Mond, Wolken und Blumen, Insekten und Pferde, Frauen und Kinder…sie alle finden sich in unendlichen Variationen in dieser Schrift, die selbst ein Bilderbuch ist.

Ich beschaffte mir Übersetzungen von Laozi, Konfuzius, dem „Buch der Wandlungen“, von Gedichten der Tang-Zeit…und lernte Zeichen um Zeichen, jeden Tag drei, manchmal fünf. Doch es brauchte viele Jahre, bis ich einen Text lesen konnte und selbst dann war es immer noch sehr schwer, seine Bedeutung in meine Wirklichkeit zu übersetzen: Was bedeuten Sätze wie: „Der Weg nimmt das Von-Selbst-so zum Vorbild“? Oder: „Fördernd ist Beharrlichkeit“? Gleich, in welcher Übersetzung ich nachlas, sie blieben für mich „Chinesisch“.

Ich begann, nach Möglichkeiten zu suchen, Brücken in die geistige Welt des alten China zu bauen, auf denen jeder würde hin und her gehen können und sich auf seine Weise würde inspirieren lassen können. So kam ich zu der Form der „Lesebücher“, in denen der Leser „müßig und frei wandern“ kann: Übersetzung, Kommentare, Historisches, Sprachliches werden in einem Zusammenhang vorgestellt, der dem Leser die „Welt“ dieser Texte und nicht nur deren „Worte“ erschließt. Der amerikanische Sinologe Rakita Goldin hat diesen Unterschied in wunderbarer Weise auf den Punkt gebracht, er schreibt: We must translate worlds, not words. In den Lesebüchern schreibe ich nicht über chinesische Philosophen, sondern ich möchte ihnen eine deutsche Stimme verleihen, die jeden Interessierten anzusprechen vermag. Es geht nicht nur um ein Wissen, was Denker wie Zhuangzi oder Menzius gesagt haben, es geht um eine Einladung zum persönlichen Gespräch über die große Entfernung von Raum und Zeit hinweg. So hoffe ich, das große Glück, das mich seit meiner Kindheit angesichts alter Schriften erfüllt, mit vielen Menschen teilen und vermitteln zu können, was die „Menschen des Altertums“ über die Kostbarkeit des Lebens auf der Erde zu sagen hatten.