Menzius

Den Menschen gerecht

Vorschau auf das Menzius-Lesebuch von Dr. Henrik Jäger
Erscheinungstermin: Frühjahr 2010 im Ammann Verlag

 

Die Philosophie des konfuzianischen Philosophen Menzius (chin. Mengzi-孟子; 4./3.Jh.v.Chr.) hat in Ostasien bis in die Moderne eine lange und vielfältige Wirkungsgeschichte entfaltet. Seinen Kerngedanken, dass „alle Menschen von Natur aus gut sind“, hat Menzius mit Hilfe der Naturmetaphern „Baum“ und „Wasserfluss“ begründet, die Ausdruck seines Prozessdenkens sind. So wie das Wasser in natürlicher Bewegungsrichtung nach unten zu fließen strebt und der Spross zu einem Baum heranwächst, wenn man sie nicht daran hindert, so strebt auch der Mensch natürlichermaßen zum Guten, wenn man ihn denn lässt. Menzius schreibt: „Man kann die Menschen dazu bringen, daß sie nicht gut sind, aber das sagt nichts über ihre Natur.“ (M6A,1) Dies bedeutet, dass die Natur des Menschen und die ihn umgebende Natur bzw. der Kosmos die gleiche Ordnung haben: In den Gesetzen der Natur erkennt der Mensch seine eigenen Lebensgesetze, sie sind für ihn somit vorgegeben.

Vom Menschen zu reden, bedeutet also, von einem Wesen zu reden, das zwar den unmittelbaren Bezug zur Natur verloren hat, das aber nur dann zu sich selbst, zu seiner Menschlichkeit finden kann, wenn er „die Sprosse seines Herzens“ wachsen lässt, wenn er versteht, dass die Natur so viel an materieller und geistiger Nahrung gibt, dass „sie von ihm nicht aufgebraucht“ werden kann. Umgekehrt trägt er die Verantwortung dafür, dass es in der Wechselbeziehung zwischen Natur und Mensch kein andauerndes Ungleichgewicht, keine Ressourcenverschwendung und keinen Verstoß gegen die Rhythmen der Jahreszeiten gibt. Politiker, die in dieser Weise aus Eigennutz gegen die Ordnung des Lebens verstoßen, müssen im schlimmsten Fall „wie ein Boot umgestürzt werden“, denn „das Volk ist das Wichtigste in einem Staat“.

Diese Lehre lenkt in eigener und eigenartiger Weise den Blick auf die Ganzheit des Lebens. Während in der westlichen Philosophie diese Ganzheit zumeist mit einer enzyklopädischen Wissensfülle gleichgesetzt wurde (Aristoteles!), waren die Konfuzianer und die Daoisten dem reinen Wissen gegenüber eher skeptisch. So ging es Menzius viel mehr darum, dem Menschen die in ihm verwurzelten Anlagen der „Menschlichkeit und Gerechtigkeit“ bewusst zu machen, ihn seine Fähigkeit zu Integrität und Verantwortung erfahren zu lassen. Diese Erfahrung kann den Menschen in die Lage versetzen, angesichts der Herausforderungen des Lebens intuitiv „die Mitte“ zu finden und in der Gegenwart das Wesentliche mit einem vorausschauenden Blick in die Zukunft zu tun. Hierfür ist es unerlässlich, dass er die Wechselwirkung der verschiedenen Lebensbereiche einschätzen kann, doch muss er hierfür nicht alles wissen, sondern er muss jemand werden „der das Gute liebt“ und sich von anderen Menschen, wenn nötig, „beraten lässt“ (M 6B,13). So ist jeder Mensch – gleich an welcher Stelle der Gesellschaft er wirkt, gerufen, sein Potential zur Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu entdecken und zu entfalten: Eine durch und durch diesseitige, praktische Hoffnung, aber vielleicht die größte, die wir wirklich haben.