Zhuangzi / Nachwort

予嘗為女妄言之,女以妄聽之。

Ich versuche dir, etwas mit unsinnigen Worten zu sagen, bitte versuche du, sie auch als solche zu hören (Zh. 2)

Sobald wir versuchen, Momente des Glücks, der Leichtigkeit, der unbeschwerten Lebensfreude zu beschreiben, erleben wir mit Wehmut, daß keines unserer Worte solche Momente ganz wiederzugeben vermag. Wir ahnen den Widerspruch zwischen dem erinnerungsfreien, selbstvergessenen Glück und dem Versuch, dieses in Worten festzuhalten. Dieser Widerspruch von Vergessen und Erinnern durchzieht das ganze „Wahre Buch vom südlichen Blütenland“. Im Gleichnis vom Schmetterlingstraum wird er jedoch so anschaulich, daß es nicht wunder nimmt, daß er in Ostasien seit über 2000 Jahren das Symbol für Zhuangzi schlechthin ist.

Zhuangzi erinnert sich in diesem Gleichnis, ein selbstvergessener Schmetterling gewesen zu sein. Weil er über diese Erinnerung zu reflektieren beginnt, wird die Selbstvergessenheit durchbrochen, und es wird die Frage nach der Unterscheidung von Traum und Wirklichkeit, nach der Identität von Schmetterling und Zhuangzi gestellt. Hieraus ergeben sich weitere Fragen: Welchen Wirklichkeitsbezug hat sein Text? Auf welche Wirklichkeit verweist er, wenn er sagt: „Aber nun, da du mir davon erzählst, weiß ich nicht, ob du wach bist oder träumst.“ (1.3.) Oder: „Konfuzius und du, ihr seid beide Träume; und daß ich dich einen Traum nenne, ist auch ein Traum.“ (1.2.)

Mit Traum ist hier jedoch nicht Tagtraum oder Wunschtraum gemeint: Die Leichtigkeit des Schmetterlings ist nach der Verwandlung eingetreten. Tagträumerisches Ausweichen wehrt sich jedoch gegen eine Wandlung, es führt zu mangelnder Präsenz, zur Suche nach Ablenkung von einer scheinbar unerträglichen Wirklichkeit. In diesem Zusammenhang ist Zhuangzis Rat hilfreich, „sich dem Unausweichlichen anzuvertrauen und so die Mitte zu nähren“. (Zh. 4)

In der Übung des Taijiquan oder Qigong lernt man, sich mit allem Schweren und Dunklen in der Erde zu verwurzeln und sich ihr anzuvertrauen; man erlernt einen festen Stand, der alles andere ist als ein „Schweben über dem Boden“. Wer die Erfahrung eines solchen Standes gemacht hat, kann mit Überraschung feststellen, daß aus diesem (vor allem im Bereich von Oberkörper und Kopf) eine große Leichtigkeit erwächst. Dies ist es wohl auch, was Laozi in Kap. 26 meint, wenn er schreibt: „Das Schwere ist die Wurzel des Leichten.“

Wenn der Schmetterling einfach nur weiter geträumt und Zhuangzi beim Erwachen nicht den Impuls gehabt hätte, diesen Traum mitzuteilen, dann müßten wir uns nicht über seine unsinnigen Worte den Kopf zerbrechen, hätten allerdings auch nicht die Möglichkeit, mit dem seltsamen Träumer ins Gespräch zu kommen.

Und das Gespräch ist für Zhuangzi tiefster Ausdruck des Lebens: Er hört es überall in der Natur, wenn er die Freude der Fische erlebt (2.1.), wenn eine Eiche mit einem Zimmermann redet (3.2.), wenn ein Fischer selbstvergessen mit den Möwen spielt (5.1.) oder wenn sich Silberreiher mit ihren Weibchen paaren (8.2.)…alle Wesen fühlen und teilen sich mit, sie tragen das Leben in eine Zukunft, von der sie erfüllt sind. In dieser Symphonie der Resonanzen spielen die Menschen nur eine Stimme und es könnte sie so glücklich machen, wenn sie diese auch auf die Stimmen der Pflanzen und Tiere, der Berge und Flüße einstimmten. Zhuangzi scheint diese Symphonie mit allen seinen Sinnen gehört zu haben, es scheint, daß jedes seiner Worte von ihrem Klang erfüllt war.

In diesem Sinne könnte man sein Werk als Resonanzkörper verstehen, der von kosmischer Musik, vom „Flötenspiel des Himmels“ (Zh.2) erfüllt ist. Jeder Leser kann seine eigene Art von Resonanz finden, und bei jedem Lesen eine Antwort spüren, die ihm gilt. Zhuangzi verschließt sich niemandem, er schreibt niemandem etwas vor und sein Sinn entsteht erst, wenn man sich von seinen „unsinnigen Worten“ im Herzen verwirren und berühren läßt…

Wenn Zhuangzi sich daran erinnert, ein selbstvergessener Schmetterling gewesen zu sein, dann wird seine Sprache zum Mittler zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod, zwischen Vergessen und Erinnern. Gewöhnlich versucht man sich jedoch gegenüber dem Unbekannten abzusichern, man versucht, gegen das Vergessen und den Tod die Wirklichkeit zu bestimmen. Doch eine solche Bestimmung führt zu einer Sicht des Lebens, in der der Mensch sich von seiner Heimat entfernt, so daß er „in einer Schlucht lebt, in der die Pfade der Iltisse durch Schlingpflanzen unbegehbar geworden sind“ (I.i.) Wer jedoch trotz oder eigentlich wegen seiner Vergänglichkeit und Unbestimmbarkeit in das Leben zu vertrauen lernt, der wird frei, in den Strom des größeren Lebens einzutreten wie in ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen, der die Sprache seiner Heimat spricht.

 

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