Zhuangzi / Schmetterlingstraum

Der Schmetterlingstraum

SCHMETTERLING – WANDLUNG

TRAUM – HÖHERE WIRKLICHKEIT

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Einst träumte Zhuang Zhou (d. i. Zhuangzi), daß er ein Schmetterling wurde (wei -?), der beschwingt umherflatterte. Er hatte Freude an sich und folgte allen seinen Regungen (wtl: „er paßte zu seinen Regungen“;zhi² - ??). Dabei wußte er nicht (buzhi - ??), daß er Zhuang Zhou war. Plötzlich wurde er wach (jue -?); da war er Zhuang Zhou – ganz eindeutig nur dieser. Nun weiß man nicht (buzhi - ??), ob es Zhuang Zhou war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling geworden, oder ob es ein Schmetterling war, der geträumt hat, er sei Zhuang geworden. Es gibt aber gewiß zwischen Zhuang Zhou und einem Schmetterling einen Unterschied. Dies ist damit gemeint, wenn gesagt wird: „Die Wesen unterliegen dem Wandel (wuhua - ??)

Diese kleine, in Ostasien berühmteste Geschichte des Zhuangzi hat es in sich: Wir werden mit ihr nicht so schnell fertig. Immer bleibt die Frage: Wer ist denn nun wer? Und wer ist wirklich?

Wenn hier angedeutet wird, daß wir letztlich nicht wissen, ob Zhuangzi vielleicht doch ein Schmetterling ist, dann ist das nicht nur einfach eine groteske, phantastische und unrealistische Aussage, im Gegenteil: Es entsteht nebenbei die Frage, wann überhaupt eine Aussage Wirklichkeit adäquat beschreiben kann. Diese Frage durchzieht das Zhuangzi in tausend Variationen und stellt dem Leser die Frage: Weißt du, wer du wirklich bist? Und hilft dir da dein Wissen? Kann es nicht sein, daß das, was dir als wirklich erscheint, geträumt ist und das, wovon du träumst, wirklich ist? An dieser Geschichte verunsichert zutiefst, daß wir nicht entscheiden können, wer der Träumende und wer der Erwachende ist. Für Zhuangzi folgt auf jedes Erwachen ein neuer Traum und auf jeden Traum ein neues Erwachen.

Wirklich nennen wir zumeist das, was uns im Tagesbewußtsein begegnet, was wir kontrollieren, bemessen, planen und in „Bewältigungsstrategien“ einordnen können. Daher unsere große Angst vor Schicksalsschlägen, Verlusten, Krisen, die wir mit diesen Strategien nicht mehr bewältigen können. Doch das Leben hält nicht still, immer wieder erfahren wir unsere Ohnmacht, immer wieder stellt sich uns die Frage, ob wir trotz allen Wandels darauf vertrauen können, daß unser Schicksal in ein größeres Leben eingebettet ist, dem wir rückhaltlos vertrauen können. Erst ein solches Vertrauen ermöglicht es, „freudig den eigenen Regungen zu folgen“. Es ermöglicht eine Freiheit, die nicht durch Kontrolle und künstliche Definitionen der Realität behindert wird.

Das größere Leben vollzieht sich in einer unüberschaubaren, von keinem Menschen zu errechnenden oder zu beherrschenden Fülle von Wandlungen. Sobald man diese Fülle beherrschen, durch Wissen sich und die Welt in eine übersichtliche Ordnung zwingen will, droht die Gefahr der Erstarrung: Immer schon zu wissen, „wer man ist“, was Wirklichkeit und was Traum ist, ist sehr praktisch, weil man damit bestimmte eingeübte Handlungsweisen beliebig reproduzieren kann – aber ist das das Leben, nach dem wir uns in der Tiefe sehnen?

Erst wenn man aufhört, an den eigenen Unterscheidungen zu hängen und das Leben auf diese Weise unter Kontrolle halten zu wollen, kann sich etwas wandeln. Erst wenn die trennenden Wände der festen Zuordnungen zwischen mir und den anderen durchbrochen werden, kann ich offen werden für Möglichkeiten, die ich vorher nicht sehen konnte. Das heißt nicht, daß die Unterschiede verwischt werden; es heißt, daß die Grenzen zwischen mir und der Welt, zwischen Traum und Wirklichkeit fließend werden. Erst wenn ich selbst auch im Fließen bin, kann ich sie so wahrnehmen, wie sie jeweils sind.

Es geht also darum, immer neu ganz da zu sein, wo ich bin, ob krank oder gesund, lebendig oder tot, reich oder arm. Jeder Zustand wird erst dann unerträglich, wenn ich ihn mit anderen vergleiche, wenn ich mit Vorstellungen von gestern die Realität von morgen sichern will und meinen Frieden nicht finden kann mit dem, was heute ist.

Da dieses Gleichnis in Ostasien der bekannteste Zhuangzi-Text ist, wurde es zu einem Topos, mit dem viele Generationen chinesischer, japanischer und koreanischer Dichter gespielt und gearbeitet haben. Der japanische Dichter Matsuo Basho hat zwei Haikus verfaßt, die beide in die unauslotbare Tiefe dieser Geschichte leuchten:

 

Du bist der Schmetterling,

Und ich bin Zhuangzis

Träumendes Herz.

 

Wach auf, wach doch auf,

Kleiner Schmetterling

Und laß uns Freunde werden!

 

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